Dem Nächsten dienen: Ein Ritter des 21. Jahrhunderts

Episode 79  ·  Aug 04, 05:00 AM
Subscribe

Dem Nächsten dienen: Ein Ritter des 21. Jahrhunderts

Fra‘ Gottfried Kühnelt-Leddihn: Vom Familienvater zum Ordensmann – ein ungewöhnlicher Weg

Was bedeutet es heute, Ritter zu sein – ohne Rüstung, ohne Schwert, aber mit einem klaren Auftrag zur Nächstenliebe? In der neuen Folge des Podcasts „Orden on air“ spricht Fra’ Gottfried Kühnelt-Leddihn, Großprior des Souveränen Malteser Ritter-Ordens in Österreich, über die fast 1.000-jährige Geschichte seines Ordens, über humanitäre Diplomatie und darüber, warum es auch im 21. Jahrhundert Ritter braucht. 

„Statt des Schwertes haben wir heute bestenfalls ein Taschenmesser mit. Und statt des Pferdes habe ich ein Fahrrad, auf dem ein Schelm ‚GroßprioRAD‘ draufgeschrieben hat. Dazu stehe ich gerne, ich reite auf dem Drahtesel“, sagt Fra’ Gottfried Kühnelt-Leddihn mit einem Schmunzeln. Der Großprior des Souveränen Malteser Ritter-Ordens in Österreich beschreibt den Ritter des 21. Jahrhunderts als einen Menschen, der sich in einem ritterlichen Selbstverständnis um die ihm anvertrauten Menschen kümmert und Hilfe gibt, wo Hilfe benötigt wird. Dieses Selbstverständnis leben die Malteser Ritter bereits seit fast tausend Jahren. Die Malteserritter haben sich dem Dienst an Kranken und Menschen in Not verschrieben – und sind diesem bis heute treu geblieben.

Gefragt, ob ihn die langjährige Geschichte seines Ordens stolz macht, antwortet er: „Stolz steht einem Ordensmann nicht zu. Demut ist angesagt und man darf natürlich immer Freude haben. Freude brauchen wir, um in anderen zu entzünden, was in uns brennt.“

Hospitalität und Souveränität
Der vollständige Name lautet: Souveräner Ritter- und Hospitalorden vom Heiligen Johannes zu Jerusalem von Rhodos und von Malta. In diesem langen Namen steckt viel Geschichte. Gegründet im Umfeld des Königreichs Jerusalem zur Zeit der Kreuzritter war der Orden von Anfang an primär eines: ein Pflegeorden. „Das Ursprüngliche, die erste Tätigkeit, die wir ausgeübt haben, ist die Hospitalität – die Pflege der Kranken“, erklärt Fra’ Gottfried. Der militärische Schutz kam später. Heute ist der Orden mit rund 13.000 Ordensmitgliedern, etwa 100.000 Freiwilligen und über 50.000 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in mehr als 120 Ländern tätig.

Was den Malteserorden zugleich von anderen Ordensgemeinschaften unterscheidet: Er ist ein souveränes Völkerrechtssubjekt mit eigener Verfassung, Pässen, eigener Währung und diplomatischen Beziehungen zu über 115 Staaten. Diese Souveränität ist kein historisches Relikt, sondern ein wirksames Werkzeug der humanitären Arbeit. „Unsere Diplomatie ist eine humanitäre Diplomatie, keine politische“, sagt der Großprior. So konnten Malteser-Botschafter Medikamente hinter dem Eisernen Vorhang liefern, ein Ultraschallgerät als Diplomatengepäck unverzollt nach Südafrika bringen, oder eine ukrainische Ärztin aus der Gefangenschaft in Mariupol herausholen. „Unsere Souveränität wird wirklich nur zum Wohle benachteiligter Menschen eingesetzt – derjenigen, denen wir zu dienen gelobt haben“, beschreibt der Großprior den diplomatischen Einsatz für Frieden und Nächstenliebe. 

Von Bethlehem und Gaza bis Amstetten
Im Heiligen Land, wo der Orden gegründet wurde, ist er bis heute aktiv. In Bethlehem betreiben die Malters das Holy Family Hospital, ein gynäkologisches Krankenhaus auf europäischem Standard, in dem Patientinnen nur zahlen, was sie können. In Gaza arbeitet der Orden derzeit daran, ein Ambulatorium in Betrieb zu nehmen – ein Unterfangen, das Fra’ Gottfried als „enormen Balanceakt“ beschreibt.

Auch in Österreich ist der Orden in verschiedensten Aktivitäten sichtbar: im Malteser Ordenshaus in Wien, im Rettungsdienst – ausschließlich ehrenamtlich – oder auch im Malteser Kinderhilfe Hilde Umdasch Haus in Amstetten, einem Palliativhaus für Kinder und Jugendliche mit lebensverkürzender Diagnose. „Dieses Haus ist wirklich großartig“, sagt Fra’ Gottfried mit spürbarer Überzeugung. 

Ein persönlicher Weg
Fra’ Gottfried kam 1969 eher zufällig zu den Maltesern, seit 1970 ist er Mitglied im Malteser Hospitaldienst Austria, seit 1983 Mitglied im Orden. Er heiratete, zog gemeinsam mit seiner Frau fünf Kinder groß und war jahrzehntelang im Hospitaldienst aktiv. Nach dem Tod seiner Frau nach 32 Jahren Ehe, entschloss er sich die ewigen Gelübde abzulegen. „Es war ein logischer Schritt. Ich spürte, dass das offensichtlich, die Berufung ist, die mir nach dem Tod meiner Frau ein erfülltes Leben gewährt“, sagt Fra‘ Gottfried sichtlich gerührt. Seit 2022 ist er Großprior in Österreich.

In Österreich gibt es zwei Professritter – also Ordensmitglieder, die alle drei Gelübde abgelegt haben. Auf die Frage, ob ihm die Zahl Sorgen macht, antwortet er: „Sorge und auch pathologischer Optimismus sind nicht angesagt. Ich bin zuversichtlich.“ Und er zitiert den Ordensgründer, den Seligen Gerhard: Diese Bruderschaft werde unvergänglich sein, weil sie im Elend der Welt wurzelt – und weil es immer Menschen geben wird, die daran arbeiten, dieses Elend erträglicher zu machen.

„Orden on air“ – der Podcast der Ordensgemeinschaften Österreich
Das Medienbüro der Ordensgemeinschaften Österreich hat im März 2022 den Podcast „Orden on air“ ins Leben gerufen. Der Titel ist Programm: Ordensfrauen und -männer kommen vor den Vorhang – und vor das Mikrofon. Ziel ist es, Persönlichkeiten vorzustellen, Einblicke in das Leben von Ordensgemeinschaften zu geben und das Engagement von Ordensleuten in vielfältigen Bereichen sichtbar zu machen. Der Podcast ist überall zu hören, wo es Podcasts gibt, sowie auf www.ordensgemeinschaften.at